Freund, Feind, Freiheit – Der große Konflikt im Kleinen

Von Sophie Rohrmeier (Text) und Christoph Schmidt (Foto), dpa

Die Waffenruhe in der Ostukraine ist brüchig. In Berlin, 2000 Kilometer entfernt, leiden der prorussische Kirgise Zunwas und der westukrainische Sergiy auf ihre Weise unter dem Konflikt. Doch ein Ideal verbindet sie: Freiheit.

 

Berlin (dpa) – Das breite, beilscharfe Messer schlägt in den Kopf. Ein Knarzen, und durch ist er. Die zwei Hälften fallen auseinander, auf das Holzbrett, mit den Augen nach unten. Die Hände in den Hosentaschen, steht Zunwas Arbudu da und sieht seinem Gehilfen zu, wie der die Kopfhälften in eine Plastiktüte packt. «In den letzten Jahren», sagt Zunwas, der Kirgise, «hieß es immer: Die Deutschen sind Freunde. Jetzt heißt es: Feind.»

Die Russen, die in Zunwas Arbudus Fischladen in Berlin-Charlottenburg kommen und Karpfenköpfe kaufen, sind noch immer seine Freunde. Aber wenn Arbudu heute seinen Cousin in Moskau besucht, nennt ihn mancher einen Faschisten. Einen Nazi. «Nu, was soll ich da sagen?» Er lacht und zuckt mit den Schultern. Wer ihn so nennt, sieht Arbudu, den Kirgisen, als Deutschen. Weil er hier lebt, Geschäfte macht. Weil er damit für viele Russen ein Mann ist, der sie nicht versteht, ihr Land bestraft. Eben einer, der aus dem Westen kommt.

Im Osten der Ukraine wüten seit vergangenem Frühjahr heftige Gefechte. Mehr als 5000 Menschen wurden getötet in den Kämpfen zwischen ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Rebellen. Die Ukraine und der Westen werfen Russland vor, den Separatisten zu helfen – mit Geld, Ausrüstung und Soldaten. Moskau dementiert.

Das alte Moskau ist Zunwas Arbudus Heimat. Das alte Russland, das es nicht mehr gibt. Der 57-Jährige, schwarzes Haar, von Grau durchzogen, verließ das ehemals sowjetische Kirgistan 1993, weil die UdSSR zerbrach. Nach der Katastrophe, wie er sagt. Vor der Katastrophe liegen wertvolle Jahre für ihn. Der Staat finanzierte sein Anglistik-Studium und das wissenschaftliche Institut, an dem Arbudu als Ethnograph arbeitete, förderte die Theater im sowjetischen Kirgistan. In den 1980ern fuhr er oft von Bischkek nach Moskau, arbeitete mit Wissenschaftlern im Zentrum einer Großmacht. Dass er Zentralasiate ist, war da nicht wichtig. Das war ganz seine Welt.

Als diese Welt auseinanderfiel, wanderte Arbudu nach Deutschland aus, seine Schwiegermutter ist Russlanddeutsche. Er kam zunächst nach Karlsruhe, zu klein für ihn. «Nur Arbeiter und Bauern gab es da.» In Berlin fand er, was er suchte. «Business», sagt er. Der Kirgise lacht über sich wie über ein Bürgerkind, das König spielt. Wohlhabend und intelligent seien seine Kunden. Die liebt der breit gewachsene Mann mit dem verschmitzten Lächeln. Weil er Berlin mag, mag er Deutschland; aber die Sowjetunion fand er auch gar nicht so schlecht. Moskau ist seine Reliquie.

Die Russen, sagt er, haben ihn gebildet. Und Kiew habe gegen eines seiner Prinzipien verstoßen: gegen die Toleranz. Statt die Meinung der Leute im Osten der Ukraine zu hören, habe die Regierung einen Krieg begonnen. «Ich bin prorussisch, auch wenn ich nicht sehr russisch aussehe.» Als Dungane gehört er zu den Nachfahren der islamischen Chinesen, die im 19. Jahrhundert emigrierten. Ihre Arbeiteraufstände waren in China blutig niedergeschlagen worden. «Russland hat uns aufgenommen. Deshalb, wir haben ein warmes Verhältnis zu den Russen. Sie sind die Retter.»

Heute ist der Fischladen von Zunwas Arbudu und seiner Frau Elena ein sicherer Hafen für seine russischen Kunden aus Berlin. Im «Dgivaja Riba» können gerade die Älteren unter ihnen einkaufen, als wären sie in der Heimat. Dgivaja Riba, Lebendiger Fisch. «Wir können auf Russisch beraten», sagt Arbudu. In den einfachen Regalen steht alles, was zum russischen Geschmack passt. Bulgarische Paprika, weißrussischer Birkensaft, Buchweizen aus Russland, Trockenfrüchte aus Usbekistan. Bauchige Gläser und bunte Tüten, kyrillisch beschriftet, wie aus vergangenen Zeiten importiert – und aus einem untergegangenen System. Hinter der Theke steht Wodka. Zum Beispiel «Wodka Nemiroff». Aus der Ukraine. Die Staaten der früheren Sowjetunion – in Arbudus Lebendigem Fisch sind sie vereint wie einst.

Sergiy Fedoryuk kam aber wohl nicht deshalb hierher, und nicht einmal wegen des «Nemiroff» aus seiner Heimat. Als der Ukrainer bei Elena einkaufte, vor einiger Zeit, wollte er einfach nur Fisch. «Nicht interessant», sagt Fedoryuk auf die Frage, ob er einen Russen treffen möchte. Jemanden, der die andere Seite des Konflikts verkörpert. Denn Fedoryuk stammt aus der Westukraine, aus Czernowitz. Dort ist auch der neue Ministerpräsident Arseni Jazenjuk geboren. «Kommen Sie ohne Russe», sagt der Ukrainer also. «Ein Mann, der so andere Gedanken hat – man muss nicht provozieren.»

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Im Vorland der Karpaten, wo Sergiy Fedoryuk aufgewachsen ist, hoffen viele Menschen auf ein europäisches Leben, ein besseres. Mit der EU wollen sie Geschäfte machen, nicht mit Russland. Deshalb war Fedoryuk schon vor rund 15 Jahren aus seiner Heimat nach Deutschland gekommen, handelte mit Autos, die er in die Ukraine verkaufte. Business eben.

Heute führt der 40-Jährige das «Apple City Hotel» in Moabit, zehn Minuten entfernt von Zunwas Arbudus Fischgeschäft. Wenn er ins Büro kommt, trägt er über der Jeans nicht Trainingsjacke und weiße Plastikschürze wie der Fischhändler. Er trägt hellbraunes Jackett, Wollpullover in Rot, Schal lachsfarben. Die leger-gepflegte Camouflage des europäischen Kaufmanns.

Fedoryuk verkauft auch Luxus-Brennholz und neuerdings Parkett. Eigentlich ist das Brennholz zu teuer zum Verbrennen. «Aber das Parkett, das ist wirklich viel zu teuer dafür, auch für Reiche. Auch für Russen», sagt Fedoryuk und lacht. Der Mann mit dem dunkelbraunen Haar im Schuljungenschnitt scherzt, wie so oft. Aber eigentlich will er keine Witze reißen. «Die Situation ist nicht so.»

Und weil die Situation nicht so ist, ist es kompliziert zwischen Sergiy Fedoryuk und Zunwas Arbudu. Noch hält die formale Waffenruhe in der Ostukraine nicht überall den Geschossen stand, die Städte treffen und Menschen töten. Den Einschlägen der Munition folgt das Schauspiel, das die Akteure des Konflikts wieder und wieder aufführen. In wechselnder Besetzung zwar, aber in unerbittlich klarer Rollenverteilung.

Bald ein Jahr ist es jetzt her, dass Russlands Präsident Wladimir Putin den Moment der Ungewissheit nach den Maidan-Protesten und dem Regierungswechsel in Kiew nutzte. Im März 2014 holte er sich die Krim in sein Territorium, nach einem umstrittenen Referendum. Heute sieht die Ukraine die Halbinsel mit rund zwei Millionen Bürgern noch immer als Teil ihres Staats. Der Westen verurteilt den Schritt Moskaus noch immer als Bruch des Völkerrechts.

Diesem Antagonismus zwischen West und Ost ist kaum auszukommen. Die Rhetorik beider Seiten spielt mit alten Feindbildern und neuen Hoffnungen. Die Propaganda zwingt auch die beiden Berliner Geschäftsmänner in ihre Rollen. Den Ukrainer Fedoryuk und den UdSSR-Getreuen Arbudu.

Für Fedoryuk ist die Krim ein Teil der Ukraine. Es muss Sicherheit geben, für das Leben. Und für das Geschäft. «Gibt es Länder. Gibt es Grenzen. Das muss so bleiben.» Das Referendum? «Ja, mit Armee.» Wieder ein Scherz, aber Fedoryuks Lachen ist rau. Er erzählt von der Korruption in der UdSSR, von der Unfreiheit. Seine Hand formt sich hinter seinem Kopf zu einer Klaue. Schwer drücken die zu Krallen gekrümmten Finger nach unten.

Noch fehle das Grau in den Ländern der früheren Sowjetunion, sagt der Ukrainer, die Zwischentöne, die Europa kennt. Stattdessen sei alles entweder Schwarz oder Weiß, Russland oder Ukraine, Ost oder West. Putin, so sieht es Fedoryuk, kippt gerade viel Schwarz in die Ukraine.

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Für Arbudu sind das Aufbegehren der Ukrainer und die Solidarität des Westens pure Politik. Das heißt bei ihm: Es geht um die Wirtschaft, nicht um Ideale. «Ukraine, die verfolgen nur ein Ziel: ein bisschen Geld bekommen, das ist alles», sagt der Kirgise. Und: «Die Krim war immer russisch.»

Beide Männer sagen, dass sie deutsche, russische und ukrainische Medien verfolgen. Beide wollen informiert sein. Ihre Loyalitäten trennen sie. Mit Fedoryuk diskutieren würde Arbudu trotzdem gern, wie mit seinen anderen ukrainischen Kunden, die oft auch seine Freunde sind. Und auch der Ukrainer ändert seine Meinung, als klar wird, dass er den Fischladen kennt. Nur dorthin gehen will er nicht – nicht jetzt. Es gebe dort auch zu wenig Platz zum Sitzen und Reden. «Und einfach hingehen und Hand geben, das wäre inkorrekt.»

Platz ist in Arbudus Laden wirklich kaum. Im engen Nebenraum hinter den zwei Theken besetzen einen beachtlichen Teil die Karpfen und Störe. 100 Kilo lebende Fische schwimmen in einem eineinhalb Meter langen Becken. Ihre Schuppen kleben an den weißen Fliesen wie ihr Geruch an den Schleimhäuten der Kunden.

Zunwas Arbudu zieht die Nase hoch. Er mag den Geruch nicht. Auch nicht das vom Fischblut hellrote Wasser, das sich im Waschbecken des Raums staut. Aber Fisch selbst mag er und vor allem die Russen, die davon viel mehr essen als die Deutschen. Man habe gut leben können in der Sowjetunion. Dass es eine Diktatur war, hält er für Propaganda. Genau wie die heutige Darstellung des Konflikts im Westen. Aber nicht alles sei gut gewesen in der UdSSR. «In Europa ist der Mensch, das Individuum sehr frei.» Damals, dort, war es anders. «Es gab ein Oben, die Welt der Parteigenossen, und ein Unten, das Volk, uns.» Eine gespaltene Gesellschaft. «Es gab Druck vom Staat.» Der Kirgise hebt seine Hand, die Finger gespreizt, zu Krallen gekrümmt.

Arbudu soll ins Hotel kommen, schlägt der Ukrainer Fedoryuk vor. «Warum nicht?», sagt darauf der Kirgise. Der Termin steht. Fedoryuk wartet. «Ich habe halbe Stunde freigemacht.» Am Abend soll der Fischhändler kommen. Am Morgen ruft Arbudu an. Er bekommt Besuch, überraschend. Von seinem Enkel, sagt er. Exakt an dem Tag, an dem sich die Männer begegnen sollen. Keine Zeit für die Fahrt zum Hotel, auch nicht an den Tagen danach. Und einfach in Arbudus Laden gehen kann Fedoryuk nicht. Einfach die Hand geben, das wäre inkorrekt.

Veröffentlicht am 19.2.2015 über die dpa

Erschienen unter anderem in der Rhein-Neckar-Zeitung Online

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