Die Bank macht zu

In Habichsthal in Unterfranken schließt die örtliche Bankfiliale. Wie so viele Filialen im Land stirbt sie an Kundenmangel. Doch ist das ein Verlust?

 

Kurz vor dem Ende stellt Alexa Webert noch einmal ihren Rollator vor der Tür ab. Sie geht, den Körper auf einen Gehstock gestützt, die Sandsteintreppe hinauf, durch die zwei verglasten Türen hindurch in den Raum mit den roten Polsterstühlen. Sie tritt an den Schalter, blickt auf und sagt: „Hallo. Zum letzten Mal heute.“ Es ist ein warmer Tag Ende März, und Webert, 82 Jahre alt, weiß nicht, ob sie die junge Frau vor sich noch einmal sehen wird.

„Wir kennen uns schon lange“, sagt Alexa Webert.
„Seit 2012, oder, Frau Webert? Da hab ich hier angefangen“, sagt Vanessa Scherg. „Wir sehen uns bestimmt noch mal.“
„Vielleicht“, sagt Alexa Webert. „Vielleicht. Ich komm nicht mehr so oft weg.“
„Aber gehen Sie zum Friseur drüben? Dann sehen wir uns da. Ich wechsel ja nicht den Friseur, nur weil ich hier weggeh.“

In Habichsthal, Unterfranken, macht die örtliche Bankfiliale dicht. Eröffnet in den achtziger Jahren, schließt sie an diesem Donnerstag im März für immer. Sie verschwindet, weil in Habichsthal zu wenige Menschen eine Bank brauchen. Sie verschwindet auch, weil viele Kunden von früher lieber ins Internet gehen statt an den Schalter. Die Finanzwelt digitalisiert sich, und mit der Digitalisierung verschwinden die Bankfilialen überall in Deutschland. Allein die Sparkassen und Raiffeisenbanken haben in den vergangenen zehn Jahren zusammen rund 5.000 Zweigstellen geschlossen. Die Zahl der Volks- und Raiffeisenbanken hat sich seit den neunziger Jahren fast halbiert.

In den vergangenen fünf Jahren hat Vanessa Scherg, 24 Jahre alt, im schmalen Raum der Raiffeisenbank Habichsthal am Tresen gesessen, auf ihrem Platz hinter schusssicherem Glas, immer mittwochs von 9 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 17 Uhr. Und Alexa Webert hatte hier ihr Konto, kam zweimal im Monat an Schergs Schalter und ließ sich Bargeld auszahlen. Bis zu diesem Donnerstag, an dem Scherg noch einmal die Bank betreten hat, um die Raiffeisenbank Habichsthal endgültig zu schließen. Und Alexa Webert noch einmal Tschüss sagen will.

Alexa Webert in der Raiffeisenbank | Foto: Nicolas Armer

Alexa Webert in der Raiffeisenbank | Foto: Nicolas Armer

14.05 Uhr. Vanessa Scherg hat die Türen aufgesperrt.
„Hast du Kaffee gekocht?“, ruft eine Kundin, als sie den Raum betritt.
„Leider nicht, heute nicht“, ruft Scherg.
„Heute ist doch der letzte Tag!“, sagt die Frau. Und: „Hallo, Mäuschen“ zu Webert, die jetzt auf einem der Polsterstühle sitzt, den Arm auf den Gehstock gestützt.

Wenn Webert bisher mit dem Rollator zur Bankfiliale ging, brauchte sie keine Viertelstunde. Durch die hölzerne Gartentür ihres Hauses, die Straße hoch, nach rechts, an der Kirche vorbei. Webert ist krank, die Nerven in ihren Beinen funktionieren nicht mehr richtig. Sie kann nur schwer ihr Gleichgewicht halten, sie braucht immer etwas zum Festhalten. Das Regal, die Spüle, den Türrahmen. Wenn sie einmal sitzt, kommt sie schwer wieder in die Gänge. Manchmal fühlen sich ihre Beine an, als wären sie nicht mehr da.

Webert hat kurzes, graues Haar. Auf dem Kopf trägt sie eine Häkelmütze, obwohl es gar nicht kalt ist, und um den Hals hat sie einen Seidenschal gewickelt. Seit rund 60 Jahren lebt Webert in Habichsthal, und lange Zeit war ihr Leben voller Einschränkungen. Fast 20 Jahre lang pflegte sie ihre Schwiegermutter, danach folgten zehn Jahre, in denen sie mit der Krankheit ihres Mannes zu kämpfen hatte, der manisch-depressiv war. Als ihr Mann vor drei Jahren starb, hatte sie das Gefühl, endlich frei zu sein. Ein Teil dieser Freiheit bestand darin, dass sie jederzeit zur Bankfiliale gehen konnte, um die Dinge zu erledigen, die sie braucht. Ein bisschen Bargeld holen, damit sie das Tiefkühlgemüse bezahlen kann, das ihr geliefert wird. Hin und wieder einen Kontoauszug ziehen.

Wenn in der Großstadt eine Filiale einer Bank schließt, ist die nächste nicht weit. In Orten wie Habichsthal verändert es den Alltag. Wer ein Auto hat, kann in den Nachbarort fahren, aber viele alte Leute können oder wollen nicht mehr fahren. Mit ihrem Schwerbehindertenausweis kann Webert kostenlos Bus fahren – wenn der Bus denn fährt. Sie ist auf Hilfe angewiesen, um es über den Spalt zwischen Busrampe und Gehsteig zu schaffen. Und sie muss im Nachbarort eine Nachbarin abpassen, damit sie mit ihr im Auto nach Hause fahren kann.  Jetzt, da die Bank schließt, wird Webert mit dem Bus nach Frammersbach fahren müssen, rund neun Kilometer entfernt. Vielleicht muss auch ihr Sohn einspringen und ihre Bankangelegenheiten im Internet regeln.

14.30 Uhr. Eine ältere Frau kommt in die Raiffeisen-Filiale, nur kurz Geld holen. „Das war hier bequem“, sagt sie. „Die jungen Leute machen nur Online. Wir können das nicht.“

14.45 Uhr. „Schriftlich funktioniert immer besser, das glauben die Jungen nur nicht“, sagt eine Kundin. Wie Webert hat sie noch Onlinebanking versucht. Viele der Älteren füllen lieber Überweisungsscheine aus. Aus Gewöhnung. Und weil sie dem Internet nicht trauen.

Für Webert ist das, was im Netz geschieht, ein Rätsel. Sie hat keinen Internetanschluss, Onlinezeitungen kennt sie nicht, Onlinebanking kann sie nicht. Sie besitzt ein Notruf-Armband, aber kein Handy. Sie ahnt, dass Onlinebanking für viele Menschen mehr Freiheit und Zeitgewinn bedeutet, auch für die Jungen im Ort, von denen es neuerdings wieder mehr gibt, weil die Grundstückspreise so billig geworden sind. Diese Leute fahren mit dem Auto zur Arbeit, sie pendeln nach Frankfurt oder Aschaffenburg. Und sie regeln ihre Bankgeschäfte längst über das Netz. Für Webert hat die Digitalisierung nichts Gutes gebracht. Für sie bedeutet das nur, dass sie nicht mehr zur Bank gehen kann wie bisher.

Habichsthal wurde vor Jahren eingemeindet, der Ort gehört heute zu Markt Frammersbach. 340 Menschen leben hier. Es gibt eine Goldschmiede und eine Kneipe im Ort, vor der Ausflugsbusse halten. Einen Metzger gibt es nicht mehr, auch keinen Bäcker mehr, keinen Arzt. Eine Schule fehlt und auch ein Kindergarten. Wenn es in einem Ort schon lange keine Lebensmittel mehr zu kaufen gibt, kein Arzt mehr da ist, sagt die Raiffeisenbank, könne man das nicht ignorieren. Wo alle weggehen, ist für eine Bank nichts mehr zu holen. 340 Menschen sind für eine Bank auch nur 340 potenzielle Kunden. Es lohnt sich einfach nicht, für Raum und Mitarbeiter und Strom und Material zu zahlen, wenn an einem Nachmittag so viele Kunden kommen wie in der Filiale in Habichsthal.

Ende März schlossen allein im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart elf Raiffeisenbanken. Fast alle waren Kleinstfilialen wie die in Habichsthal. Ein paar Quadratmeter groß und schon bisher nur an zwei Tagen die Woche geöffnet. Nicht immer nehmen die Bewohner der Orte das einfach hin. In manchen Gemeinden organisierten die Bewohner Trauermärsche, wenn die örtliche Filiale schloss, als Zeichen des Protests. „Es geht immer rückwärts“, sagt ein Mann in Habichsthal. „Wir sind Notstandsgebiet, und wir werden ärmer.“ Das ist das Gefühl, das jede Filialenschließung begleitet.

15.00 Uhr. Schade, wirklich – das sagen alle, die an diesem letzten Donnerstagnachmittag noch einmal zu Vanessa Scherg an den Schalter gehen. Aber trotzdem, sagt Scherg, gab es Tage, da kamen bloß sechs oder zehn Kunden. „Merken tun sie’s halt auch erst, wenn’s weg ist“, sagt Scherg.

Scherg trägt schwarze, an der Seite rasierte Haare, ein weißes Top, graues Strickjäckchen. Sie hätte mehr Kunden betreuen können, wenn sie da gewesen wären. Sie sagt, dass sie ihren Beruf liebt. Sie mag es, mit den Menschen zu reden, ihnen zu helfen, verlorene EC-Karten zu sperren. Vollmachten auszustellen für die Jungen, damit diese die Bankgeschäfte für die Alten übernehmen können.

Die meisten ihrer Kunden waren alt, sie erzählen gern, und Scherg hat gerne zugehört. Sie kennt alle im Ort, viel hat sie mitbekommen. Wenn jemand Oma oder Opa wurde. Wenn einer gestorben war. Vanessa Scherg musste sich nicht allzu viele Nachnamen merken, in Habichsthal sind viele verwandt miteinander. Aber sie weiß, welches Leben zu wem gehört, sie weiß, dass Alexa Webert ihren Mann damals über eine Zeitungsannonce kennengelernt hat, und sie weiß, wer eine Zeit lang in Südafrika gewohnt hat und wer nicht so viel herumgekommen ist in der Welt.

„Hier waren alle so offen, sie haben mich behandelt, als wäre ich von hier“, sagt Scherg. Sie stammt aus einer kleinen Gemeinde, 30 Kilometer weiter weg. „In der heutigen Zeit ist das ja immer so eine Sache.“ Ihr Retro-Wohnzimmer nennt Vanessa Scherg den kleinen Bankraum mit den Wandschränken aus hellem Holz. „Ich werd nachher schon Tschüss sagen zu der Filiale“, sagt Scherg. Dann streicht sie  langsam über die lackierte Holzplatte auf ihrer Seite des Schalters.

15.30 Uhr. Alexa Webert ist wieder aufgebrochen. Sie steigt die Treppe hinunter zu ihrem Rollator, klemmt den Stock dran und dreht sich zur Straße. Weit kommt sie nicht. „Schön, dich zu sehen“, sagt sie. Eine Bekannte, auch am Rollator. Webert löst ihre rechte Hand und fasst hinüber zu ihr, streicht kurz über deren Linke. „Wie geht es dir?“ Wie oft werden sie sich noch treffen, wenn die Öffnungszeiten der Bank die Menschen nicht mehr zur gleichen Zeit an diese Stelle treiben?

„Elfriede, du kannst noch mal Geld holen“, ruft ein alter Mann einer Frau vor der Bank entgegen. Ein paar Mal 1.000 Euro, einmal 500 Euro heben die Alten an diesem Nachmittag bei Vanessa Scherg noch ab. Es soll reichen für einige Zeit, bis jemand sie mitnimmt in den nächsten Ort.

16.54 Uhr. „Noch sechs Minuten“, sagt Scherg. „Und dann ist das Kapitel hier geschlossen.“ Die Prospektregale aus braun-transparentem Plastik sind leergeräumt. Die Malbücher und Kreiden für Kinder, die Werbe-Feuerzeuge für die Erwachsenen hat sie schon über die vergangenen Wochen auf die Sessel gelegt, zum Mitnehmen.  Die Alten haben sich nicht getraut, zuzugreifen. „Sie haben doch Enkel!“, hat Scherg da gesagt. Jetzt ist alles weg. Am frühen Abend macht sie den letzten Kassenabschluss: die Einzahlungen aus dem Friseurladen, aus der Gastwirtschaft, die Auszahlungen an die Rentner.

17 Uhr. Gleich wird Vanessa Scherg aufstehen, von ihrem Stuhl hinter dem schusssicheren Glas. Sie wird durch die Tür von ihrer Seite des Schalters hinaus in den Kundenraum gehen, dann durch die erste Tür in den Vorbau, wird sie zusperren, dann die zweite Tür. Vor der Sandsteintreppe hat sie ihr Auto geparkt. Jeder hier kennt ihren Wagen, Alexa Webert wusste immer, ob die junge Frau am Schalter sitzt oder ein Kollege. Vanessa Scherg wird wegfahren, aber sie will ja wiederkommen, mindestens zum Friseur. Der Stromkasten ist hinter ihrem Stuhl in die Wand vermauert. Sie geht hinüber, öffnet das Türchen und legt den Schalter um.

Dieser Artikel erschien am 4. April 2017 auf Zeit Online

Freund, Feind, Freiheit – Der große Konflikt im Kleinen

Von Sophie Rohrmeier (Text) und Christoph Schmidt (Foto), dpa

Die Waffenruhe in der Ostukraine ist brüchig. In Berlin, 2000 Kilometer entfernt, leiden der prorussische Kirgise Zunwas und der westukrainische Sergiy auf ihre Weise unter dem Konflikt. Doch ein Ideal verbindet sie: Freiheit.

 

Berlin (dpa) – Das breite, beilscharfe Messer schlägt in den Kopf. Ein Knarzen, und durch ist er. Die zwei Hälften fallen auseinander, auf das Holzbrett, mit den Augen nach unten. Die Hände in den Hosentaschen, steht Zunwas Arbudu da und sieht seinem Gehilfen zu, wie der die Kopfhälften in eine Plastiktüte packt. «In den letzten Jahren», sagt Zunwas, der Kirgise, «hieß es immer: Die Deutschen sind Freunde. Jetzt heißt es: Feind.»

Die Russen, die in Zunwas Arbudus Fischladen in Berlin-Charlottenburg kommen und Karpfenköpfe kaufen, sind noch immer seine Freunde. Aber wenn Arbudu heute seinen Cousin in Moskau besucht, nennt ihn mancher einen Faschisten. Einen Nazi. «Nu, was soll ich da sagen?» Er lacht und zuckt mit den Schultern. Wer ihn so nennt, sieht Arbudu, den Kirgisen, als Deutschen. Weil er hier lebt, Geschäfte macht. Weil er damit für viele Russen ein Mann ist, der sie nicht versteht, ihr Land bestraft. Eben einer, der aus dem Westen kommt.

Im Osten der Ukraine wüten seit vergangenem Frühjahr heftige Gefechte. Mehr als 5000 Menschen wurden getötet in den Kämpfen zwischen ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Rebellen. Die Ukraine und der Westen werfen Russland vor, den Separatisten zu helfen – mit Geld, Ausrüstung und Soldaten. Moskau dementiert.

Das alte Moskau ist Zunwas Arbudus Heimat. Das alte Russland, das es nicht mehr gibt. Der 57-Jährige, schwarzes Haar, von Grau durchzogen, verließ das ehemals sowjetische Kirgistan 1993, weil die UdSSR zerbrach. Nach der Katastrophe, wie er sagt. Vor der Katastrophe liegen wertvolle Jahre für ihn. Der Staat finanzierte sein Anglistik-Studium und das wissenschaftliche Institut, an dem Arbudu als Ethnograph arbeitete, förderte die Theater im sowjetischen Kirgistan. In den 1980ern fuhr er oft von Bischkek nach Moskau, arbeitete mit Wissenschaftlern im Zentrum einer Großmacht. Dass er Zentralasiate ist, war da nicht wichtig. Das war ganz seine Welt.

Als diese Welt auseinanderfiel, wanderte Arbudu nach Deutschland aus, seine Schwiegermutter ist Russlanddeutsche. Er kam zunächst nach Karlsruhe, zu klein für ihn. «Nur Arbeiter und Bauern gab es da.» In Berlin fand er, was er suchte. «Business», sagt er. Der Kirgise lacht über sich wie über ein Bürgerkind, das König spielt. Wohlhabend und intelligent seien seine Kunden. Die liebt der breit gewachsene Mann mit dem verschmitzten Lächeln. Weil er Berlin mag, mag er Deutschland; aber die Sowjetunion fand er auch gar nicht so schlecht. Moskau ist seine Reliquie.

Die Russen, sagt er, haben ihn gebildet. Und Kiew habe gegen eines seiner Prinzipien verstoßen: gegen die Toleranz. Statt die Meinung der Leute im Osten der Ukraine zu hören, habe die Regierung einen Krieg begonnen. «Ich bin prorussisch, auch wenn ich nicht sehr russisch aussehe.» Als Dungane gehört er zu den Nachfahren der islamischen Chinesen, die im 19. Jahrhundert emigrierten. Ihre Arbeiteraufstände waren in China blutig niedergeschlagen worden. «Russland hat uns aufgenommen. Deshalb, wir haben ein warmes Verhältnis zu den Russen. Sie sind die Retter.»

Heute ist der Fischladen von Zunwas Arbudu und seiner Frau Elena ein sicherer Hafen für seine russischen Kunden aus Berlin. Im «Dgivaja Riba» können gerade die Älteren unter ihnen einkaufen, als wären sie in der Heimat. Dgivaja Riba, Lebendiger Fisch. «Wir können auf Russisch beraten», sagt Arbudu. In den einfachen Regalen steht alles, was zum russischen Geschmack passt. Bulgarische Paprika, weißrussischer Birkensaft, Buchweizen aus Russland, Trockenfrüchte aus Usbekistan. Bauchige Gläser und bunte Tüten, kyrillisch beschriftet, wie aus vergangenen Zeiten importiert – und aus einem untergegangenen System. Hinter der Theke steht Wodka. Zum Beispiel «Wodka Nemiroff». Aus der Ukraine. Die Staaten der früheren Sowjetunion – in Arbudus Lebendigem Fisch sind sie vereint wie einst.

Sergiy Fedoryuk kam aber wohl nicht deshalb hierher, und nicht einmal wegen des «Nemiroff» aus seiner Heimat. Als der Ukrainer bei Elena einkaufte, vor einiger Zeit, wollte er einfach nur Fisch. «Nicht interessant», sagt Fedoryuk auf die Frage, ob er einen Russen treffen möchte. Jemanden, der die andere Seite des Konflikts verkörpert. Denn Fedoryuk stammt aus der Westukraine, aus Czernowitz. Dort ist auch der neue Ministerpräsident Arseni Jazenjuk geboren. «Kommen Sie ohne Russe», sagt der Ukrainer also. «Ein Mann, der so andere Gedanken hat – man muss nicht provozieren.»

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Im Vorland der Karpaten, wo Sergiy Fedoryuk aufgewachsen ist, hoffen viele Menschen auf ein europäisches Leben, ein besseres. Mit der EU wollen sie Geschäfte machen, nicht mit Russland. Deshalb war Fedoryuk schon vor rund 15 Jahren aus seiner Heimat nach Deutschland gekommen, handelte mit Autos, die er in die Ukraine verkaufte. Business eben.

Heute führt der 40-Jährige das «Apple City Hotel» in Moabit, zehn Minuten entfernt von Zunwas Arbudus Fischgeschäft. Wenn er ins Büro kommt, trägt er über der Jeans nicht Trainingsjacke und weiße Plastikschürze wie der Fischhändler. Er trägt hellbraunes Jackett, Wollpullover in Rot, Schal lachsfarben. Die leger-gepflegte Camouflage des europäischen Kaufmanns.

Fedoryuk verkauft auch Luxus-Brennholz und neuerdings Parkett. Eigentlich ist das Brennholz zu teuer zum Verbrennen. «Aber das Parkett, das ist wirklich viel zu teuer dafür, auch für Reiche. Auch für Russen», sagt Fedoryuk und lacht. Der Mann mit dem dunkelbraunen Haar im Schuljungenschnitt scherzt, wie so oft. Aber eigentlich will er keine Witze reißen. «Die Situation ist nicht so.»

Und weil die Situation nicht so ist, ist es kompliziert zwischen Sergiy Fedoryuk und Zunwas Arbudu. Noch hält die formale Waffenruhe in der Ostukraine nicht überall den Geschossen stand, die Städte treffen und Menschen töten. Den Einschlägen der Munition folgt das Schauspiel, das die Akteure des Konflikts wieder und wieder aufführen. In wechselnder Besetzung zwar, aber in unerbittlich klarer Rollenverteilung.

Bald ein Jahr ist es jetzt her, dass Russlands Präsident Wladimir Putin den Moment der Ungewissheit nach den Maidan-Protesten und dem Regierungswechsel in Kiew nutzte. Im März 2014 holte er sich die Krim in sein Territorium, nach einem umstrittenen Referendum. Heute sieht die Ukraine die Halbinsel mit rund zwei Millionen Bürgern noch immer als Teil ihres Staats. Der Westen verurteilt den Schritt Moskaus noch immer als Bruch des Völkerrechts.

Diesem Antagonismus zwischen West und Ost ist kaum auszukommen. Die Rhetorik beider Seiten spielt mit alten Feindbildern und neuen Hoffnungen. Die Propaganda zwingt auch die beiden Berliner Geschäftsmänner in ihre Rollen. Den Ukrainer Fedoryuk und den UdSSR-Getreuen Arbudu.

Für Fedoryuk ist die Krim ein Teil der Ukraine. Es muss Sicherheit geben, für das Leben. Und für das Geschäft. «Gibt es Länder. Gibt es Grenzen. Das muss so bleiben.» Das Referendum? «Ja, mit Armee.» Wieder ein Scherz, aber Fedoryuks Lachen ist rau. Er erzählt von der Korruption in der UdSSR, von der Unfreiheit. Seine Hand formt sich hinter seinem Kopf zu einer Klaue. Schwer drücken die zu Krallen gekrümmten Finger nach unten.

Noch fehle das Grau in den Ländern der früheren Sowjetunion, sagt der Ukrainer, die Zwischentöne, die Europa kennt. Stattdessen sei alles entweder Schwarz oder Weiß, Russland oder Ukraine, Ost oder West. Putin, so sieht es Fedoryuk, kippt gerade viel Schwarz in die Ukraine.

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Sergiy Fedoryuk | Foto: Christoph Schmidt, dpa

Für Arbudu sind das Aufbegehren der Ukrainer und die Solidarität des Westens pure Politik. Das heißt bei ihm: Es geht um die Wirtschaft, nicht um Ideale. «Ukraine, die verfolgen nur ein Ziel: ein bisschen Geld bekommen, das ist alles», sagt der Kirgise. Und: «Die Krim war immer russisch.»

Beide Männer sagen, dass sie deutsche, russische und ukrainische Medien verfolgen. Beide wollen informiert sein. Ihre Loyalitäten trennen sie. Mit Fedoryuk diskutieren würde Arbudu trotzdem gern, wie mit seinen anderen ukrainischen Kunden, die oft auch seine Freunde sind. Und auch der Ukrainer ändert seine Meinung, als klar wird, dass er den Fischladen kennt. Nur dorthin gehen will er nicht – nicht jetzt. Es gebe dort auch zu wenig Platz zum Sitzen und Reden. «Und einfach hingehen und Hand geben, das wäre inkorrekt.»

Platz ist in Arbudus Laden wirklich kaum. Im engen Nebenraum hinter den zwei Theken besetzen einen beachtlichen Teil die Karpfen und Störe. 100 Kilo lebende Fische schwimmen in einem eineinhalb Meter langen Becken. Ihre Schuppen kleben an den weißen Fliesen wie ihr Geruch an den Schleimhäuten der Kunden.

Zunwas Arbudu zieht die Nase hoch. Er mag den Geruch nicht. Auch nicht das vom Fischblut hellrote Wasser, das sich im Waschbecken des Raums staut. Aber Fisch selbst mag er und vor allem die Russen, die davon viel mehr essen als die Deutschen. Man habe gut leben können in der Sowjetunion. Dass es eine Diktatur war, hält er für Propaganda. Genau wie die heutige Darstellung des Konflikts im Westen. Aber nicht alles sei gut gewesen in der UdSSR. «In Europa ist der Mensch, das Individuum sehr frei.» Damals, dort, war es anders. «Es gab ein Oben, die Welt der Parteigenossen, und ein Unten, das Volk, uns.» Eine gespaltene Gesellschaft. «Es gab Druck vom Staat.» Der Kirgise hebt seine Hand, die Finger gespreizt, zu Krallen gekrümmt.

Arbudu soll ins Hotel kommen, schlägt der Ukrainer Fedoryuk vor. «Warum nicht?», sagt darauf der Kirgise. Der Termin steht. Fedoryuk wartet. «Ich habe halbe Stunde freigemacht.» Am Abend soll der Fischhändler kommen. Am Morgen ruft Arbudu an. Er bekommt Besuch, überraschend. Von seinem Enkel, sagt er. Exakt an dem Tag, an dem sich die Männer begegnen sollen. Keine Zeit für die Fahrt zum Hotel, auch nicht an den Tagen danach. Und einfach in Arbudus Laden gehen kann Fedoryuk nicht. Einfach die Hand geben, das wäre inkorrekt.

Veröffentlicht am 19.2.2015 über die dpa

Erschienen unter anderem in der Rhein-Neckar-Zeitung Online

HINWEIS: Positionen, Alter und ähnliche Angaben zu den Protagonisten oder Ereignissen können seit Veröffentlichung über die dpa veraltet sein.

Schweigen und Scham

In der kleinen Stadt Wallenfels in Oberfranken werden Mitte November vergangenen Jahres acht Babyleichen im Haus einer Familie gefunden. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.

 

Von Sophie Rohrmeier, dpa

Wallenfels – Man muss ganz nah herangehen an das Haus, um zu sehen: Das Steingranulat der Fassadenplatten ist weiß-blau. Vor ein paar Monaten standen Porzellan-Engel und brennende Kerzen auf der Fensterbank zur Straße hin. Heute wacht dort nur noch eine Marienfigur in der Mauernische vom Nachbarhaus.

Es ist nichts mehr zu sehen von der Trauer, die Wallenfels überzog im vergangenen November. Acht Babyleichen waren in dem gedrungen wirkenden Haus gefunden worden. Nach dem großen Medientrubel hängt im Dorf nun Schweigen. „Ich frage die Leute nicht danach, wenn ich bei ihnen bin“, sagt Pater Jan Poja, der Pfarrer in Wallenfels. Wie es den Menschen in der oberfränkischen Gemeinde geht? Was das Wissen um die toten Kinder mit ihnen gemacht hat? „Es schmerzt uns, und was uns schmerzt, da spricht man nicht so einfach drüber wie übers Wetter.“ Poja blickt zur Seite, windet sich.

„Öffentlich wird nicht mehr drüber geredet“, sagt eine Frau auf einem Parkplatz im Ort. Manchmal spreche sie zu Hause darüber, mit ihrem Mann. „Das Örtchen war aufgeregt, jetzt ist wieder alles wie immer.“ Sie will eigentlich nichts sagen, auch nicht ihren Namen. „Aber offenbar holt einen das immer wieder ein, nicht?“ Neun Monate zuvor: Polizisten und Rechtsmediziner finden die sterblichen Überreste der Neugeborenen. In einem Abstellraum, in Plastiktüten und Handtücher gewickelt.

Im Haus der Mutter und des Vaters. Die damals 45-jährige Frau lebt da schon seit wenigen Wochen nicht mehr in Wallenfels, hält sich mit ihrem neuen Freund in einer Pension im nahen Kronach auf. Mit dem Vater der toten Säuglinge hat die Frau drei gemeinsame Kinder, die leben; beide brachten in die Beziehung je zwei weitere Kinder mit.

Wallenfels | Copyright: Sophie Rohrmeier

Wallenfels | Copyright: Sophie Rohrmeier

Am 12. Juli soll in Coburg der Prozess gegen die beiden beginnen, die Mutter sitzt in Untersuchungshaft. Hat das Entsetzen im Ort also etwas gemacht mit den Menschen? Ein Mann im Dorf schüttelt den Kopf, langsam. Auch er will seinen Namen nicht nennen, in Wallenfels kennt jeder jeden. Der Mann sieht die Familie oft. Er habe, sagt er, der Frau die Schwangerschaften nicht angesehen. Wieder das langsame Kopfschütteln. Sie sei mal ein bisschen fülliger gewesen.

Eine Tochter aus dem grau wirkenden, aber gepflegten Haus habe kürzlich als Praktikantin bei ihm gearbeitet, sagt der Mann. „Ich hab’ sie nicht drauf angesprochen, was da war.“ Er habe das Mädchen nicht in eine unangenehme Situation bringen wollen. „Sie kann ja nix dafür.“ Betroffene, meint er, wollten sicher lieber nicht angesprochen werden, und wer nicht direkt betroffen sei, der brauche das nicht: sich auszusprechen.

Der Psychiater und Gutachter Michael Soyka ist Experte für Fälle der Kindstötung. „Es gibt da eine Kultur des Wegschauens, des Verdrängens“, sagt er. In der Familie – und im Dorf. „Eine Schwangerschaft kann man mal übersehen, acht übersieht man nicht. Das ist unmöglich.“ Gerade in einer 2.800-Seelen-Gemeinde. In kleinen Gemeinschaften, erklärt der Psychiater, sei die soziale Kontrolle viel stärker als in Großstädten. In solchen Analysen liegt auch ein Vorwurf, und die Wallenfelser spüren ihn. „Wir funktionieren weiter“, sagt die Frau auf dem Parkplatz. „Es ist unfassbar, das ist einfach so. Vielleicht verdrängt man’s auch. Ich schieb das weit von mir.“

„Diese Geschichte wird man sich noch in 100 Jahren erzählen“

Wer etwas bemerkt hat oder nicht, das wird das Gericht versuchen zu klären. Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter vor, vier der Babys vorsätzlich umgebracht zu haben, dem Vater, ihr dabei geholfen zu haben. Die beiden Angeklagten wollten, so die Ermittler, ohne Einschränkung durch weitere Kinder leben.

Der neue Freund der Frau wendet sich an die Polizei, und schließlich legt sie ein Geständnis ab: Sie habe einige Kinder lebend geboren und getötet. „Sich ein Urteil darüber zu bilden, dazu sind wir nicht berechtigt“, sagt die Wallenfelserin auf dem Parkplatz. „Es war eine ganz normale Familie.“ Hinter dem Haus, etwas erhöht über dem Tal, in dem das Dorf liegt, steht die katholische Dorfkirche.

Als sich die Nachricht verbreitete, konnten die Menschen dort Zettel aufhängen, für Fragen und Gefühle. Heute hängt da eine Einladung zum Familiengottesdienst. „Der Ort braucht jetzt vor allem Ruhe“, sagt Pater Poja. „Aber diese Geschichte wird noch in 100 Jahren erzählt werden.“

Dass sie jetzt in den Medien so oft erzählt wird, ist vielen in Wallenfels nicht so recht: Mit Journalisten hätten sie, sagen sie, keine guten Erfahrungen gemacht. Sie drehten einem die Sätze im Mund um, und manche seien unverschämt gewesen. „Gemeinschaften tabuisieren, was nicht ins Selbstbild passt, wovor sie sich schützen wollen, und oft auch, was ein Gefühl der Mitschuld auslöst“, erklärt Tabuforscher Hartmut Schröder von der Europa-Universität Frankfurt/Oder. Das Dorf ist nun verbunden mit einem Verbrechen, mit Kindsmord, einem Tabu. Und die Bewohner, fürchten viele, gleich mit. Das Schweigen, es hat mit Scham zu tun, aber auch mit Schutz – dem Schutz nach außen.

Erschienen am 1. Juli 2016 über dpa – zum Beispiel via Abendzeitung

Vor Gericht hat das Verstecken für die Mutter ein EndeErschienen am 12. Juli 2016 über dpa – zum Beispiel via die Mittelbayerische

Im Sog der EU

Leben im Brüsseler Europaviertel

 

Von Sophie Rohrmeier, dpa

Brüssel (dpa) – Sarkozy hat schöne Mädchen. Junge Frauen aus Osteuropa. Er steht an der Theke einer Kneipe in Brüssel. Gestreiftes Polohemd, einfache Jeans. «Für Politik interessiere ich mich nicht», sagt Sarkozy. Dabei lebt der Franzose von der Politik.

Denn die Kneipe mit den schönen Kellnerinnen hinter der Theke gehört ihm. Das «Le Franklin» liegt gegenüber der EU-Kommission, im Europaviertel. Sein Geschäft macht Sarkozy mit Journalisten und Lobbyisten, Verwaltern und Entscheidern. «Ich bin abhängig von Europa. Ich profitiere davon», sagt Sarkozy. Louis Sarkozy. Von seinem französischen Namensvetter Nicolas wird noch die Rede sein.

Louis Sarkozy | Foto: Sophie Rohrmeier

Louis Sarkozy | Foto: Sophie Rohrmeier

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Sie übt einen Sog aus, verspricht Freiheit, Frieden, Wohlstand. Trotz des Griechenland-Dramas. Von sechs auf 28 Länder ist sie angeschwollen. Das schwemmt immer mehr Menschen nach Brüssel. Mehr als 44 000 Mitarbeiter haben die Kommission, das Parlament und der Rat der EU. Ohne Abgeordnete und deren Mitarbeiter, ohne Lobbyisten und Anwälte. All diese Menschen geben in der Stadt ihr Geld aus, besonders im Quartier Européen.

An dessen äußerstem Rand führt Louis Sarkozy seit 27 Jahren das «Le Franklin». Eine Minute entfernt vom wuchtigen Monument der EU: der Kommission. An ihren Fassaden unzählige Blenden, wie Rasiermesser. 240 000 Quadratmeter, 16 Stockwerke erheben sich als massive Wand, stellen sich jedem in den Blick, der aus den Straßen auf sie zuläuft.

Berlaymont | Foto: Sophie Rohrmeier

Berlaymont | Foto: Sophie Rohrmeier

Am Sockel des Monuments also hat Louis Sarkozy sich niedergelassen. In einem schmalen Art-Déco-Eckhaus am äußersten Rand des Quartiers. Gedrungen steht es an der Front der Straßenkreuzung. Scheckig, dreckig-weiß der Anstrich. Sarkozy erkennt die Kommissionsleute, wenn sie seine Kneipe betreten. Und er erkennt die anderen.

«Die da», sagt er und nickt hinüber zu zwei jungen Männern in Funktionsjacken mit dem kantigen Haarschnitt der Straßenjugend, «die arbeiten nicht für die EU. Die sehen arm aus.» Seine Schultern hat Sarkozy immer nach oben gezogen, auch wenn er Fußball schaut im Kneipen-Fernseher. Die Haare grau wie der Bart. Eher Bär statt Boss.

Aber er trägt den Nachnamen des einstigen Präsidenten Frankreichs. «Ich habe ihm mal geschrieben, um zu fragen, ob wir aus der gleichen Familie stammen», sagt Louis Sarkozy. Er hat den Familiennamen nicht von der französischen Mutter, sondern vom Vater. Der war Ungar, wie der Vater von Nicolas Sarkozy. Eine Antwort aus Paris kam nie.

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Aber wenn Touristen nach Brüssel kommen, in die Hauptstadt der EU, sehen sie nicht die Assemblée Nationale von Paris, nicht das Weiße Haus von Washington, nicht den Berliner Reichstag. Sie sehen die Kommission, den Glas- und Stahlkoloss mit dem Namen Berlaymont. Spottname: «Berlaymonster».

Abends treibt es die Anzugträger und Frauen im Business-Dress aus der Kommission in die Kneipen des Europaviertels. Vor allem ins Irish Pub «Kitty O’Shea’s», zum After-Work-Drink und Netzwerken. Smart. Lässig. So sehr zwei Guinness mit Kollegen das eben zulassen. Graue Gruppen zwischen Möbeln aus dunklem Holz.

Damit kann Sarkozy nicht mithalten. Seine Theke ist schwarz lackiert. Seine Sitzbank ist mit grünem Plastik überzogen. In der Ecke steht ein Spielautomat. Hierher kommen auch Menschen, die allein trinken.

Jan Hermans trinkt selten allein. «Ich liebe meinen Job, verdammt noch mal», sagt der Fruchtsaftlobbyist. Er sitzt an der Theke im «Le Franklin» und trinkt Wodka Red Bull. Dunkelblaues Sakko mit Goldknöpfen, helle Bügelfaltenhose. Hermans wohnt um die Ecke und zieht jeden Abend durch die Kneipen, er zeigt sich. 63 Jahre ist er alt. Früher war er Lobbyist für die Milchbranche. Heute versucht er, die Kommission auf seine Saft-Linie zu bringen.

«Wer etwas gegen Europa hat, ist ein verdammter Idiot. Das könnten Arschlöcher sein, Betrunkene, irgendwer.» So sieht es Hermans und nimmt einen Schluck Wodka. Die EU bringt Reisefreiheit. Und den Gewinn für die Läden im Viertel. Für einen griechischen Salat kann ein Bistro hier schließlich schon mal 18,20 Euro nehmen.

Onkar Shergill fühlt sich nicht wie ein Gewinner. Nur ein paar Schritte entfernt von Sarkozys Kneipe steht der Inder in seinem vollgestopften Eckladen, die Arme auf seine kleine Kühltruhe gestützt. «Je mehr EU-Leute kommen, desto mehr Kunden verliere ich», sagt Shergill. Er blickt durch die offene Ladentür auf die Straße.

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Viele laufen an Shergills Minimarkt vorbei auf dem Weg zu den EU-Gebäuden. Sie laufen vorbei. Zu den großen Kühlregalen moderner Supermärkte. Deren Zahl wächst. Für alle, die nach langen Bürotagen portioniertes Gemüse suchen oder es nur sonntags zum Einkaufen schaffen.

In Brüssel geben viele mit hohem Gehalt und hohen Ansprüchen ihr Geld aus. Als Dienstreisende – oder wohlhabende Expatriates, die aus dem Ausland kommen und länger hier wohnen. Das macht vieles teurer.

Brüsseler Mieten sind immer noch niedriger als in Paris oder London. Aber zwischen 2004 und 2013 sind sie um ein Fünftel gestiegen. Die Expats sind ein Grund dafür. Die Mietbehörde nennt das die «Internationalisierung Brüssels». Der Bezirk Woluwe-Saint-Pierre ist der teuerste der Stadt. Für Sarkozy ist auch das Quartier Européen ein Luxusviertel.

Sieben Nächte pro Monat arbeitet Ralitsa für ihn. Damit kann die 25-Jährige, die für ihr Studium aus Bulgarien nach Brüssel zog, ihre WG-Miete bezahlen, 300 Euro. Im Nachbarviertel. Hier würde sie kein Zimmer finden. Die Leute hier findet sie normal. «Aber ich sehe 80-Jährige in einem Porsche fahren. Das ist seltsam», sagt Ralitsa. Ihr Chef Sarkozy zahlt für die Kneipe nur 1600 Euro Miete. Ein alter Vertrag sichert ihm die Lebensgrundlage. Noch.

Sarkozy weiß, was zu tun ist, noch. Er bleibt lange auf, wenn es sich lohnt. Bei ihm bekommt man noch einen letzten Drink, wenn das «Kitty» zumacht. Im Lokal gegenüber kostet ein Glas Hauswein fünf Euro, im «Kitty» 3,50. Sarkozy nimmt nur 2,55 Euro. «Ich habe nichts, was einen höheren Preis rechtfertigen würde», sagt er. Eng ist sein Laden und nicht edel. Aber er hat die schönen Mädchen.

Den Norden, in dem das «Le Franklin» liegt, trennt die Hauptachse des Quartiers vom Süden: die Rue de la Loi. Eine abweisende Schlucht, an den Flanken schäbige Büroblöcke. Ein Abwasserkanal für Autos, sagen manche Brüsseler. Abends ist die Gegend tot. Das wollen Kommission, Region und Stadt gemeinsam ändern. Mit einem Großprojekt.

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Das «Projet Urbain Loi» lässt 880 000 Quadratmeter zu, für die Kommission und private Investoren. Büros, Wohnungen und Geschäfte in Türmen, 114, gar 165 Meter hoch. Die regionale Regierung hat dafür die Bauvorschriften geändert. Bald sollen die ersten zwei Türme kommen.

Mit den hohen Türmen werden noch mehr Autos kommen, Schatten über Straßenzüge fallen. Das sind die Sorgen der Anwohner. Die Sorgen von Marco Schmitt. «Wir müssen den Dominoeffekt aufhalten», sagt der 50 Jahre alte Aktivist. Er kämpft mit der Association du Quartier Léopold gegen den Platzhunger der EU und der Büros in ihrem Gefolge.

Marco Schmitt | Foto: Sophie Rohrmeier

Marco Schmitt | Foto: Sophie Rohrmeier

Die Bürgerinitiative hat, gemeinsam mit einer zweiten, Berufung eingelegt gegen das Großprojekt. Darüber wiederum ärgert sich Pierre Lemaire. «Das ist zum Nationalsport in Brüssel geworden», sagt der Projektleiter, der in der regionalen Behörde für Raumentwicklung die neuen Bauvorschriften mit festzurrte. Ohne Veränderung keine schönere Rue de la Loi. Alle Schritte seien öffentlich gemacht worden. Die Kommission sagt nichts zur Kritik der Bürger.

Marco Schmitt steht im Süden des Viertels, an der Rue Wiertz, zwischen dem Parlament und den Büros für die Abgeordneten. «Wir haben damals das Parlament nicht blockiert, weil es die demokratischste Institution der EU ist. Es sollte nah bei den Bürgern sein.» Es, das sind Klumpen aus Stein, Stahl und Glas. Aus ihrem Schatten heraus deutet Schmitt ans Ende der Straße. Dort in der Sonne stehen gedrängte, kleine Stadthäuser. Ihr heller Putz leuchtet herüber ins Dunkle. Für Schmitt leuchten sie als Symbole. Für den Sieg der Bürger über die Investoren, damals. «Beruhige dich, Marco», sagt er zu sich selbst. Die Häuser mussten nicht weichen. Schmitt erinnert sich.

1987: Privatinvestoren wollen das Parlament bauen. Aber die Anwohner haben Angst vor Enteignung. Im Verein Association du Quartier Léopold wehren sie sich vor Gericht – und schließen einen Vertrag mit den Investoren. Die Bürger machen der EU Platz. Enteignet werden sie nicht. Die Investoren müssen Ersatz für ihre Häuser finden.

Brüssel | Foto: Sophie Rohrmeier

Brüssel | Foto: Sophie Rohrmeier

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Seit mehr als 30 Jahren ist das Viertel eine Baustelle. Deshalb fallen die Bauzäune nicht auf, die an der untersten Ecke des Viertels zwischen Häusern stehen. Schmitt macht sich an ein paar Drähten zu schaffen. Er drückt die Gitter ein Stück weit auseinander. Dahinter: Ruhe, der Geruch von wuchernder Wildnis, Kräuter und Büsche mit Namensschildern. Eine gehegte Brache.

Schmitt, Kämpfer der alten Generation, steht inmitten der Friche Eggevoort, südlich der Rasierklingen-Fassaden der Kommission. Hier, unter freiem Himmel, sammelt ein neues Kollektiv seine Kräfte. Es sieht nach Lagerfeuer aus und nach Trommelkursen. Die Brache gehört der Stadt, die ist einverstanden, alles in Ordnung also. Nur: Der lose Haufen Aktivisten hat keine feste Ordnung – und trotzdem Macht. Er ist in den Medien präsent, wird stadtbekannt.

Louis Sarkozy ist schon eine Institution. Er liebt es, dass der Sog der EU ihm Gäste bringt aus aller Welt. Manchmal wichtige Gäste. Einmal war Herman van Rompuy bei ihm, der frühere belgische Premier und Präsident des Europäischen Rats. Er ließ ein Foto von sich machen, mit einer Kellnerin. «Das gehört sich nicht, so ein alter Mann», sagt Sarkozy. Das Bild hängt an der Pinnwand neben der Theke.

Es wird bis Dezember dort hängen. Dann wird Louis Sarkozy es abnehmen. Denn zum Jahresende muss er das «Le Franklin» schließen. Der Hausbesitzer will den alten Mietvertrag nicht verlängern. Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Aber Sarkozy will bleiben, woanders im Viertel wieder öffnen. Er hat ja Stammkunden. «Und wunderbare Mädchen.»

Erschienen über die dpa

Zum Beispiel am 25. Juli 2015 auf mittelbayerische.de

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